
Frankreichs Fremdenlegion ist auch nach 195 Jahren hochgefragt
Aubagne – Was nach Hollywood-Stoff oder einem Mythos klingt, gibt es wirklich: die Ausbildung „Kämpfen und Überleben im Dschungel“. Der „Jaguar-Lehrgang“ ist einer der militärisch anspruchsvollsten Lehrgänge überhaupt und – natürlich – bei der legendären französischen Fremdenlegion zu absolvieren. In Französisch-Guyana lernen die Angehörigen des 3. Infanterieregiments das soldatische Überleben im südamerikanischen Regenwald. Allein schon die klimatischen und topografischen Bedingungen sorgen im Centre d´Entraînement en Forêt Équatoriale, dem Ausbildungszentrum Regenwald, für physische und psychische Ausnahmesituationen. Ziel der Fremdenlegion ist die Heranbildung von hochprofessionellen Zugführern für den Dschungelkampf. Sie sollen dazu befähigt werden, mit ihren Männern unter den Extrembedingungen des Regenwaldes unterschiedlichste infanteristische Operationen durchzuführen. In dem unwegsamen Gelände müssen sich die Männer meist kräftezehrend zu Fuß fortbewegen und können allenfalls die Flüsse mit kleinen Booten befahren. Deshalb lernen sie auch das Schießen von schnell fahrenden Booten. Der Jaguar-Lehrgang umfasst nach der Theorie- und Taktik-Einführung die Waffenausbildung, Schwimmübungen, Hindernisbewältigung, Nahkampftechniken, Tag- und Nachtschießen, die Versorgung Verwundeter im Einsatz und vieles mehr. Wer die elftägige Abschlussübung im Südosten Guyanas bestanden hat, gehört zur Elite der Elite: den führungsfähigen Dschungelkämpfern der Fremdenlegion, in der Freiwillige aus über 150 Nationen als Zeitsoldaten dienen.
Die Légion étrangère ist regulärer Teil der französischen Infanterie und neben ihrer Kampfkraft für einen besonderen Korpsgeist bekannt. Der spiegelt sich im Motto „Legio patria nostra“ – übersetzt: „Die Legion ist unser Vaterland“ – wider. Die Truppe wurde 1831 auf Anraten des damaligen Kriegsministers durch den sogenannten Bürgerkönig Louis Philippe aufgestellt und hatte den Auftrag, für Frankreich Kolonien in Afrika zu erobern und abzusichern. Der Historiker Eckard Michels beschrieb die Gründungsmotivation so: „In Frankreich gab es 1831 viele Revolutionsflüchtlinge aus anderen europäischen Ländern, wo die Revolution, im Gegensatz zu Frankreich, nicht erfolgreich gewesen ist, und die französische Regierung wollte diese potenziellen Radikalen loswerden und hat ihnen die Möglichkeit eröffnet, in diese neu gegründete Ausländertruppe einzutreten, um sie dann alle nach Nordafrika, nach Algerien zu expedieren.“ Zur Würdigung ihrer großen Opferbereitschaft wird bis heute am 30. April des Gefechts von Camerone im Jahr 1863 gedacht. Im Zuge der französischen Intervention in Mexiko verteidigten sich 65 Legionäre gegen eine gewaltige Übermacht von 2.000 Soldaten. Aus Anerkennung dieses Heldenmuts ließ Kaiser Napoleon III. den Namen Camerone auf die Flagge der Legion schreiben. Den Verlust der französischen Kolonien in Südostasien und Nordafrika konnte aber selbst sie nicht verhindern. Auf dem Höhepunkt des Indochinakrieges Anfang der 1950er Jahre kämpften mehr als 35.000 Soldaten unter ihrem stolzen Banner. In den ersten 20 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges dienten viele Deutsche als einfache Soldaten und Unteroffiziere in der Legion.
Traditionell unterstehen die Elite-Infanteristen direkt dem französischen Staatsoberhaupt. Heute gehören dem Großverband, der sein Hauptquartier in Aubagne hat, rund 9.000 aktive Offiziere, Unteroffiziere und Legionäre sowie 1.500 Reservisten und zivile Beschäftigte an. Damit stellt er rund 12 Prozent der französischen Landstreitkräfte. Derzeit besteht die Fremdenlegion aus einem Hauptquartier, einer Rekrutierungsgruppe und zehn Regimentern. An der Spitze steht das Hauptquartierkommando unter der Führung eines Generals, der zuvor selbst eines ihrer Einsatzregimenter befehligt hat. Den Posten hat seit 2023 General Cyrille Youchtchenko inne, der dem Stabschef der französischen Armee untersteht und diesen in allen die Legion betreffenden Angelegenheiten berät. Dem Hauptquartierkommando unterstehen drei Einheiten, die für administrative Aufgaben zuständig sind: das 1. Fremdenregiment kümmert sich um die Personalverwaltung, das 4. Fremdenregiment gilt mit seiner Verantwortung für alle Ausbildungsfragen als „Schule der Legion“, und die Rekrutierungsgruppe hat für genügend neues Personal zu sorgen. Sechs operative Einheiten sind voll einsatzfähig: zwei motorisierte Infanterieregimenter, ein Fallschirmjägerregiment, das 1. Fremden-Kavallerieregiment sowie zwei Pionierregimenter. Zwei Übersee-Einheiten sind dauerhaft im Ausland stationiert, um zur Wahrung nationaler Interessen dort die französische Präsenz aufrechtzuerhalten: das 3. Infanterie-Fremdenregiment in Französisch-Guayana und das 5. Fremdenregiment auf Mayotte im Indischen Ozean.
Wenn es keine klassischen Einsatzbefehle gibt, absolvieren die Fremdenlegionäre routinemäßige Ausbildungsgänge, Feldübungen und die üblichen Garnisonsaufgaben. Regelmäßig werden Kurzzeitmissionen in den Überseegebieten sowie in den französischen Stützpunkten in verbündeten afrikanischen Ländern wie Dschibuti absolviert. Außerdem helfen motorisierte Infanterie- und Pionierverbände auf französischen Marineschiffen bei der Sicherung wichtiger Seewege. Legionäre werden bei Friedenssicherungseinsätzen im Libanon sowie bei NATO-Beruhigungsmissionen eingesetzt, etwa der „Mission Lynx“ in Estland. Außerdem beteiligen sich ihre Einheiten häufig an Militärübungen mit verbündeten Streitkräften. Vor etwa zwei Jahren bekämpften sie im Rahmen der Operationen „Harpie“ und „Titan“ den illegalen Goldabbau und schützten das Raumfahrtzentrum Guayana. Immer häufiger wird die Fremdenlegion bei Anti-Terror-Einsätzen im Aus- und Inland eingesetzt, etwa beim Kampf gegen Dschihadisten in der Sahelzone. Im Rahmen der Anti-Terror-Operation „Sentinelle“ sicherten Fremdenlegionäre durch Patrouillen in französischen Städten wichtige Objekte wie Flughäfen, Bahnhöfe und touristische Hotspots. Nach den islamistischen Anschlägen von 2015 waren bei der Operation „Wache“ rund 10.000 Soldaten im Inlandseinsatz, um potenzielle Attentäter abzuschrecken. Festnahmen oder Ausweiskontrollen führten die Legionäre nicht durch und mussten bei verdächtigen Beobachtungen die Polizei informieren. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde die 6. Leichte Panzerbrigade unter dem Kommando eines Ex-Offiziers der Fremdenlegion zur ersten kombinierten Waffenbrigade Frankreichs, die mit Material der neuen Generation ausgerüstet und voll einsatzbereit ist. Natürlich besteht ein Großteil ihrer Einheiten aus Regimentern der Fremdenlegion.
Auch 195 Jahre nach ihrer Gründung denkt in Frankreich niemand über eine Auflösung der Fremdenlegion nach. „Das zeigt im Grunde genommen ja die prägende Kraft von Traditionen, die man nicht aufgeben will“, analysiert Eckard Michels. „Selbst wenn man vielleicht sagt, das ist eigentlich überholt, hält man daran fest, weil in den Reihen der Fremdenlegion halt Zehntausende von Männern gestorben sind für Frankreich, und so eine Institution schafft man dann nicht einfach ab.“
